04-1 - Mehr als ein Etikett

Wenn Ihr beruflicher Hintergrund Sie in die falsche Schublade steckt

Gibt es eine Berufsbezeichnung in Ihrem Lebenslauf, an der andere sofort hängen bleiben? Eine Station, über die alle sprechen möchten? Während das, was Sie heute beruflich machen, erst einmal in den Hintergrund rückt?

Mir geht es häufig mit meiner Arbeit als Drehbuchautor und Dramaturg so. Besonders deutlich wurde mir das nach einem Bewerbungsgespräch, aus dem ich zunächst mit einem guten Gefühl gegangen war.

Es ging um eine Stelle im Content-Bereich. Wir hatten über die Aufgaben und das Unternehmen gesprochen. Dabei habe ich deutlich gemacht, dass ich mir die Tätigkeit sehr gut vorstellen kann. Nach der Absage bat ich um ein genaueres Feedback.

Die Rückmeldung hat mich beschäftigt: Meine Stärken und Interessen seien im Gespräch vor allem beim konzeptionellen, künstlerischen Storytelling verortet worden. Man befürchtete, dass mir die stärker strukturierte und prozessorientierte Arbeit auf Dauer zu wenig kreativen Freiraum bieten würde.

Ich kann nachvollziehen, wie dieser Eindruck entstehen konnte. Überrascht hat mich, dass ich im Gespräch nur kurz erklärt hatte, was ein Dramaturg macht. Eine Arbeitsprobe für konkrete Aufgaben war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Teil des Verfahrens.

Natürlich weiß ich nicht, welche Faktoren bei der Entscheidung insgesamt eine Rolle spielten. Aber die Rückmeldung zeigte mir, welches Bild von mir entstanden war. Und wie weit es von dem entfernt lag, was ich über meine Arbeit vermitteln wollte.

Auch in anderen Vorstellungsgesprächen ging es auffallend oft um meinen Drehbuch-Hintergrund. Die Fragen dazu verstehe ich. Es ist ein ungewöhnlicher Hintergrund für jemanden, der heute vor allem in Redaktion, Content und Kommunikation arbeitet. Trotzdem habe ich nach solchen Gesprächen häufig gedacht: Haben wir eigentlich über das gesprochen, was ich für diese Stelle mitbringe?

Sobald das Wort „Drehbuchautor“ fällt, stehen häufig zuerst Kreativität und Geschichten im Raum. Beides gehört zu mir. Es erklärt nur nicht vollständig, wie ich arbeite.Anmeldedaten für Inhalte anzeigen

Warum ich meinen Drehbuchhintergrund heute anders erkläre

Lange habe ich versucht, dieses Bild mit Sätzen wie „Ich bin nicht nur kreativ.“ oder „Ich schreibe auch gerne Sachtexte.“ zu ergänzen. Inzwischen merke ich, warum mich beide Formulierungen nicht zufriedenstellen. „Auch Sachtexte“ klingt, als wäre die Arbeit mit Fachinhalten ein Zusatz zu meinem eigentlichen Beruf. Dabei ist sie längst ein Schwerpunkt meiner Arbeit.

Und ja: Ich wünsche mir Gestaltungsspielraum. Ich entwickle gerne Ideen und arbeite gerne mit Geschichten. Das schließt meine Freude daran nicht aus, ein komplexes Thema zu durchdringen und es präzise auf den Punkt zu bringen.

Ich möchte meinen Drehbuchhintergrund deshalb nicht kleinreden. Aber ich möchte deutlicher zeigen, wie er mit meiner redaktionellen Arbeit zusammenhängt.

Was ich aus der dramaturgischen Arbeit mitnehme

Bei einem Drehbuch kommt es nicht allein darauf an, gute Ideen zu haben. Ich muss erkennen, welche Information das Publikum zu welchem Zeitpunkt braucht. Ich prüfe, ob Zusammenhänge verständlich sind, ob eine Szene etwas verändert und ob das, was folgt, aus dem Vorherigen entsteht.

Bei einem Fachtext stelle ich andere Fragen, aber ich arbeite ebenfalls an Verständnis und Reihenfolge: Was weiß die Zielgruppe bereits? Welcher Begriff braucht eine Erklärung? Welche Aussage ist zentral? Wo fehlt ein Zwischenschritt?

Für die Fachzeitschrift BauPortal habe ich beispielsweise einen Artikel zu Biobitumen im Straßenbau geschrieben. Bei einem solchen Thema reicht es nicht, anschaulich zu formulieren. Zuerst muss die fachliche Grundlage stimmen. Dann geht es darum, die Informationen so auszuwählen und anzuordnen, dass Menschen außerhalb des Fachgebiets ihnen folgen können, ohne dass wichtige Unterschiede verloren gehen.

Genau darin sehe ich die Verbindung zwischen Redaktion und Dramaturgie. Redaktion verlangt Recherche, Prüfung und Präzision. Mein dramaturgischer Blick hilft mir dabei, Perspektive, Gewichtung und Reihenfolge bewusst zu gestalten.

Das Ergebnis muss keine Geschichte sein. Manchmal ist es ein klar aufgebauter Sachtext, der eine schwierige Frage Schritt für Schritt beantwortet.

An meinem eigenen Berufsweg sehe ich, wie eine zutreffende Information trotzdem ein unvollständiges Bild vermitteln kann, wenn der Zusammenhang fehlt. Eine ähnliche Frage stellt sich bei der Kommunikation komplexer Angebote: Was müssen Außenstehende wissen, um sie richtig einordnen zu können?

Warum das auch für Unternehmen wichtig ist

Wer täglich mit einem Produkt, einer Dienstleistung oder einem Fachgebiet arbeitet, setzt leicht Wissen voraus, das Außenstehende noch nicht haben. Dann enthält eine Website zwar alle wichtigen Informationen, beantwortet aber nicht die Frage, mit der potenzielle Kunden dort ankommen.

Bevor ich an einer Formulierung feile, möchte ich deshalb verstehen:

  • Was soll die Zielgruppe nach dem Lesen wissen oder entscheiden können?
  • Welche Information braucht sie dafür zuerst?
  • Welche Fachbegriffe oder Zusammenhänge müssen erklärt werden?
  • Was ist wichtig, würde an dieser Stelle aber vom eigentlichen Thema wegführen?

Erst aus diesen Antworten entsteht für mich ein sinnvoller Aufbau. Danach kann ich entscheiden, welcher Ton, welches Beispiel oder welches Format am besten passt. Wer mehr hierüber erfahren möchte, dem lege ich meinen Linkedin-Artikel „Vom Expertenwissen zur Kernbotschaft: Was Ihre Zielgruppe wirklich verstehen muss“ ans Herz.

Was ich heute anders mache

Ich werde in Gesprächen vermutlich weiterhin nach meinem Drehbuch-Hintergrund gefragt. Das ist in Ordnung. Ich möchte nur klarer zeigen, wohin mich mein beruflicher Weg geführt hat:

Drehbuch. Dramaturgie. Redaktion. Unternehmenskommunikation. Content.

Deshalb beginnt mein Kurzprofil im Lebenslauf inzwischen mit dem Satz: „Ich helfe Unternehmen dabei, komplexe Inhalte klar und verständlich zu kommunizieren.“ Danach folgen meine Erfahrungen aus Redaktion, Unternehmenskommunikation und dramaturgischer Arbeit. Ich denke analytisch, schreibe präzise und finde für jede Zielgruppe den passenden Ton. KI kann mich bei Recherche und Ideenentwicklung unterstützen; die Auswahl und Prüfung der Aussagen bleiben jedoch stets redaktionelle Aufgaben.

Ob eine andere Selbstbeschreibung den Ausgang jenes Bewerbungsgespräch verändert hätte, kann ich nicht wissen. Sie hilft mir aber, in künftigen Gesprächen klarer zu erklären, wofür ich stehe, ohne mich dafür zu verstellen.

Was ist Ihr berufliches Etikett?

Vielleicht ist es bei Ihnen ein Studium, eine frühere Stelle oder ein Projekt, für das Sie bekannt sind. Das Bild, das andere damit verbinden, kann durchaus stimmen. Und trotzdem nur einen Ausschnitt Ihrer Fähigkeiten zeigen.

Mich interessiert: Worauf werden Sie beruflich immer wieder angesprochen? Und welche Kompetenz möchten Sie stärker sichtbar machen?

Ich freue mich auf Ihre Erfahrungen!

Den Beitrag habe ich auch auf LinkedIn veröffentlicht.

#Fachkommunikation #Redaktion #Dramaturgie

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